SM-Blogparade – #Kommunikation & Social Media – Tanja Russ

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Okay, heute bin ich dran mit meiner Story. Ich nutze einfach mal die Gelegenheit, euch ein bisschen was über mich und meine ersten Erfahrungen im Bereich Sex und BDSM zu erzählen. Weil diese Geschichte wahr ist, ist sie vielleicht nicht so spektakulär, wie eine erfundene Story. Aber ich hoffe, ihr werdet sie trotzdem mögen.

SM-Blogparade
Kommunikation und Social Media im BDSM-Kontext

Ich gehöre noch zu einer Generation, die nicht mit dem Computer groß geworden ist.
Meinen ersten PC schaffte ich mir mit fünfundzwanzig an und Handys konnten zu dieser Zeit nichts anderes, als nur telefonieren.
BDSM’ler trifft man selten zufällig auf der Straße, und wenn, dann erkennt man sie nicht als solche. Steht uns ja nicht auf der Stirn tätowiert.
Die erste Begegnung mit meinen BDSM hatte ich ohne äußere Einflüsse. Deshalb bin ich überzeugt, dass meine Neigungen aus mir selbst kommen. Nicht durch Fotos im Internet, nicht durch Bücher oder Erzählungen anderer Leute.
In der Pubertät, lange bevor ich den ersten Sex mit einem Mann hatte, träumte ich davon, gefesselt und fremdbestimmt zu sein.
In meiner Fantasie gab es eine Stadt, die durch Stadtmauern geschützt wurde. Ungefähr so, wie es im Mittelalter üblich war. Wer den Ort zu betreten wollte, musste ein Tor passieren, an dem rechts und links jeweils eine Wache stand. Die Wachleute schauten sich die Passanten, die Einlass begehrten, nicht nur gewissenhaft an, sie blickten in die Seelen der Menschen. Zutritt wurde nur dem gewährt, der entweder dominant oder submissiv veranlagt war. Eine devote Frau hatte ihren eigenen freien Willen am Tor abzugeben und durfte nur hinein, wenn sie voller Überzeugung und ohne das geringste Zögern durch das Stadttor ging. Nur wer bereit war, sich auf diese Welt einzulassen, ohne vorher im Detail zu wissen, was ihn erwartete, war berechtigt, sich innerhalb der Mauern aufhalten.
So wie ich.
Da ich damals noch keine sexuellen Erfahrungen hatte, waren meine Visionen darüber, was an diesem Ort mit mir geschah, nur schemenhaft und unkonkret. Ich erinnere mich daran, dass ich im Traum durch die Straßen schlenderte. Immer mit dem Gefühl, dass Blicke mir folgten und in dem Bewusstsein, dass mich jeden Moment jemand zu sich rufen könnte. Und da ich meinen freien Willen ja am Tor abgegeben hatte, wollte und durfte ich mich nicht verweigern. Egal, was man von mir verlangte.
Oft sah ich mich selbst gefesselt und wehrlos und in mir brannte der Wunsch, mich ergeben zu dürfen.
Nur für das Was und Wie genau, war ich damals einfach zu jung und unerfahren. Es mag vielleicht seltsam klingen, aber ich habe diese Fantasien nicht hinterfragt und auch mit niemandem darüber gesprochen. Ich fand sie erregend und habe sie genossen. Hab mich nie gefragt, ob andere Menschen ähnliche Vorlieben haben.
Ich bin ziemlich behütet aufgewachsen, die Jugendzeitschrift BRAVO publizierte das Thema BDSM nicht und die Informationsquelle Internet stand mir nicht zur Verfügung. Daher hatte ich von BDSM, Bondage, Devotion noch nie etwas gehört.

Meine ersten sexuellen Erfahrungen waren dann ganz gewöhnlich und unspektakulär. Der erste Kuss, der erste Freund, der erste Sex, die ersten Liebeleien und später die erste feste Beziehung. Ganz vanilla.
Mit vierundzwanzig lernte ich Tim kennen. Ungefähr ein Jahr lang lief auch mit ihm alles ganz normal. Kuschelsex. Das war schön und gehörte für mich halt zu einer Beziehung dazu. Nicht mehr und nicht weniger.
Bis wir uns eines Abends einen Actionfilm im Fernsehen anschauten. In dem Streifen gab es eine Szene, in der ein Mann von einer Frau ans Bett gefesselt und gespankt wurde. Es war nur eine kurze Szene, aber ich war sofort angefixt. Tim neben mir meinte plötzlich: »Also das finde ich jetzt total erregend.« Und als ich ihm antwortete: »Ich auch, und wie!«, wäre er vor Überraschung fast vom Sofa gefallen. Bei der Filmsequenz handelte es sich um eine FemDom-Szene. Dennoch bestand, ohne das wir groß darüber sprachen, kein Zweifel zwischen uns, dass wir beide ihn in der Rolle des dominanten – und mich in der des devoten Parts sahen.
Mit diesem Film begann eine spannende und wahnsinnig schöne Zeit.
Praktische Erfahrungen mit BDSM hatten wir beide nicht. Ich erinnerte mich an meine Pubertätsfantasien zurück. Tim hatte immerhin schon im Internet recherchiert, einiges gelesen und sich Fotos angeschaut, die das Material für sein Kopfkino lieferten.
Wir fingen an, in unserem eigenen gemächlichen Tempo, zu experimentieren. Beim ersten Versuch befahl er mir, die Hände hinter dem Kopf zu verschränken und sie dort zu lassen, egal was geschieht. Das hat nicht gut geklappt. Zunächst hielt ich mich an seine Anweisung während er mich vanillamäßig verwöhnte. Aber je heißer er mich machte, desto dringlicher wurde mein Wunsch, ihn anzufassen und auch ihm Lust zu schenken. Und irgendwann konnte ich mich nicht mehr zurückhalten. Da er, genau wie ich, noch am Anfang stand, nahm er meinen Ungehorsam hin und das Ganze endete in gewöhnlichem Sex. Auch beim nächsten Mal fesselte Tim mich nicht. Weil er mir zum ersten Mal den Arsch haute, war ihm wichtig, mir das Gefühl zu geben, mich selbst aus der Situation befreien zu können, sollte ich das für nötig halten. Die Schläge gefielen mir, trotzdem fehlte etwas. Dann das erste Mal, dass ich fest verschnürt war und mit verbundenen Augen annehmen musste, was er mir gab, ganz egal, ob Lust oder Schmerz. Der absolute Kick für mich.
Er zeigte mir BDSM-Fotos im Internet. Keine billige Pornografie, sondern Erotik-Art. Stimmungsvolle schwarz/weiß Fotografien, die Dominanz und Unterwerfung ausdrückten. Frauen in richtig tollen Fesselposen, manchmal mit frischen Spankingspuren. Ich fand diese Bilder total heiß und das verwirrte mich. Ich bin nicht bi und verstand nicht, warum mich Fotos von nackten, wehrlosen Frauen so scharf machen konnten. »Es sind nicht ihre Körper, die dich erregen. Du identifizierst dich mit ihnen. Du versetzt dich automatisch in ihre Lage, wenn du sie dir ansiehst«, sagte Tim, als ich mit ihm über meine Verwirrung redete. Und damit hatte er den Nagel auf den Kopf getroffen.
Manchmal vergaß ich beim Betrachten dieser Fotos die Zeit. Ich konnte mich regelrecht darin verlieren. Da ich im Umgang mit dem Medium Internet aber noch sehr unsicher war und fürchtete, versehentlich auf kostenpflichtigen Seiten zu landen, beschränkte ich mich auf die Bilderseiten, die Tim mir zeigte. Begriffe, wie BDSM, Dom, Sub etc kannte ich bis dato immer noch nicht.
Tim war mein Partner, ich nannte ihn nie Herr. Im Alltag herrschte Augenhöhe zwischen uns. Aber beim Sex hatte er das Sagen. Ich unterwarf mich ihm mit ganzer Hingabe. Wir nannten es nicht Spanking, er versohlte mir einfach den Arsch und ich genoss es. Er baute Toys aus Materialien, die wir im Baumarkt erstanden. Einige Spielzeuge kaufte er fertig im Erotik-Shop. Er bestellte nicht in Onlineshops, sondern besuchte den Laden in der City, wo er die Sachen ansehen und anfassen konnte.
Nach und nach experimentierten wir mit unterschiedlichen Fixierungsmöglichkeiten, wie Seile, Ketten, Hand- und Fußmanschetten, Spreizstange etc. Neben seiner Hand dienten verschiedene Flogger und Gerten als Schlagwerkzeuge. Wir spielten mit Klammern, Nadeln und diversen Sextoys.
Weil wir Anfänger waren, ging öfter mal was daneben. Eine falsch gesetzte Nippelklemme, die unangenehm wehtat, oder ein zu harter Schlag. Er kannte den Unterschied zwischen meinen lustvollen Schreien und meiner Reaktion auf Schmerz, den ich negativ erlebte. Letzteres turnte uns beide eher ab.
Es war eine aufregende, lustvolle, intensive und wunderschöne Zeit. Wir hatten vorher keinerlei Vereinbarungen getroffen. Wir redeten auch vor einer Session nicht groß darüber, was geschehen würde. Tim war der Herr in unserem Schlafzimmer. Er fragte fast nie, bevor er etwas Neues ausprobierte. Er tat es einfach. Meine Aufgabe bestand darin, mich auf ihn einzulassen, anzunehmen und zu genießen, was er mir gab, oder von mir einforderte. So wie in meinen Teenagerträumen. Auch bevor er mit den Nadeln experimentierte, verband er mir die Augen. Ich erfuhr erst hinterher, womit er diesen Lustschmerz erzeugt hatte. Ich nehme an, er wusste, dass ich mich gefürchtet hätte, wenn ich geahnt hätte, was er mit mir macht.
Kleine Erklärung hierzu: Tim war Rettungssanitäter. Deshalb konnte er mit Nadeln umgehen. Solche Hilfsmittel sollte wirklich nur der benutzen, der weiß, was er tut.
Nach jeder Session redeten und analysierten wir ausgiebig. Wir sprachen darüber, wie wir beide das Erlebte empfunden hatten, körperlich und emotional. Darüber was schön war, was nicht so toll.
Wir folgten keinen vordefinierten Plänen oder Grenzen. Unsere langen Gespräche versetzten uns in die Lage einzuschätzen, wo der Andere jeweils stand. Tim wusste stets genau, wie viel er mir zumuten konnte und hat sich diesbezüglich in fünf aufregenden Jahren nie verschätzt.
Erst nach dem Ende dieser Beziehung begann ich im Internet mit Menschen zu kommunizieren, die meine sexuellen Neigungen teilten. Es war spannend, die Gemeinsamkeiten, aber auch die Unterschiede zu entdecken, denn die dunkle Welt des BDSM ist groß und bunt mit ihren unzähligen verschiedenen Kinks.
Heute ist Twitter meine bevorzugte Social Media Plattform. Der Dialog mit anderen BDSM’lern tut mir gut und insbesondere der Austausch mit anderen Subs bedeutet mir viel. Manchmal fühle ich mich als submissive Frau mit meinen Bedürfnissen wie ein Alien. Habe den Eindruck, ich bin viel zu viel oder viel zu wenig. Doch wenn ich mich mit anderen Subs unterhalte, merke ich, die haben die gleichen Wünsche, Sehnsüchte und Ängste, wie ich.
Miteinander reden ist immer gut und wichtig. Aber im BDSM ist es unverzichtbar. Das gilt ganz besonders für den Dialog zwischen Dom und Sub. Je nachdem, wie genau man einander kennt, kann Kommunikation auch vor einer Session absolut notwendig sein. Grenzen definieren, sich aber auch über Erwartungen und Ängste verständigen, um einen Absturz nach Möglichkeit zu vermeiden.
Die Aussprache nach einer Session halte ich für unentbehrlich. Das muss nicht unmittelbar sofort danach sein. Manchmal ist es sinnvoll, die Dinge etwas sacken zu lassen und das Gespräch erst am nächsten oder übernächsten Tag zu führen. Was war geil? Womit habe ich mich nicht so gut gefühlt? Sind wir zu weit gegangen? Oder nicht weit genug? Nur wenn man miteinander redet, entsteht diese ureigene Dynamik zwischen Dom und Sub. Nur so lernt Dom, mich einzuschätzen und nur so weiß ich, ob ich seine Erwartungen erfülle.
Wenn ich zurückblicke, frage ich mich hin und wieder: Wie hätte ich mich als Sub entwickelt, wenn ich vor und während meiner Beziehung mit Tim schon Gelegenheit gehabt hätte, mich mit anderen BDSM’lern, in den sozialen Netzwerken auszutauschen?
Ich wäre vermutlich weniger unbefangen auf diese Entdeckungsreise gegangen und ich glaube, das wäre schade gewesen. Rückblickend möchte ich die unschuldige Neugier, die ich damals besaß und das ungezwungene Experimentieren nicht missen.
Heute wiederum bin ich froh, dass ich die Möglichkeit zum Dialog mit vielen anderen BDSM’lern habe. Virtuell sind es übrigens weit mehr, als ich real kenne. Und ich genieße diese Community, denn es ist ein verdammt gutes Gefühl, mit Menschen umzugehen, die ähnlich ticken wie ich selbst.

Und hier nochmal die Blogs meiner Mitstreiter in dieser 6. Runde der SMBlogparade:
https://margauxnavara.com/sm-blogparade-kommunikation-und-social-media/
Training of O
Die Gespielin
Sofies geheime Welt
LessDressedStories
Leyla Femme
Madame Fatale
Whispered Stories
Paige Dark
Tomasz Bordemé

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2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Margaux Navara
    November 27, 2019 7:16 am

    In deiner Geschichte dürften sich viele wiederfinden. Ich auch.
    Das alles funktioniert nur über Kommunikation. Dazu gehört der Austausch mit anderen, aber vor allem das Reden mit dem Partner. Wo diese Kommunikation fehlt, kann BDSM eigentlich nur schiefgehen.

    Antworten
    • Yep, genauso sehe ich das auch. Reden ist wichtig. Zum Einen natürlich, um zu wissen, wo der Andere steht und was machbar ist und was nicht. So, wie ich es in der Geschichte beschrieben hatte.
      Aber ich finde, reden stärkt auch die Positionen/ Rollen in der Beziehung.. Reden stärkt die Dominanz des Dom und zeigt die Hingabe und den Gehorsam der Sub. Ein toller Nebeneffekt.

      Antworten

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